Mythos und Utopie bei Hans Henny Jahnn - eine Dissertation, die leider nie fertig gestellt wurde

Sich an Hans Henny Jahnn „abzuarbeiten“ ist eine spannende Lebensaufgabe, die ganz nebenbei z.B. auch zur Auseinandersetzung mit literarischen oder musikalischen Werken von Joyce oder Buxtehude führt, die Jahnn selbst beschäftigt und sein Werk beeinflusst haben. 

Andererseits lohnt aber auch hin und wieder ein Blick auf diejenigen, die ihrerseits von Jahnn beeinflusst wurden. Zu letzteren gehörte z.B. auch Gudrun Ensslin, die 1964 zusammen mit Bernward Vesper die Anthologie „Gegen den Tod - Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe“ herausgab, die nicht nur den Jahnn-Text „Am Rande des Abgrunds“ enthält, sondern auch die Widmung „in memoriam Hans Henny Jahnn“ trägt. Ensslins intensive Beschäftigung mit Jahnn führte schließlich dazu, dass sie zum Thema "Mythos und Utopie bei Hans Henny Jahnn" promovieren möchte, obgleich sie hochschulseitig wenig Unterstützung für dieses Vorhaben erfährt.

Das im Februar 2017 erschienene sehr lesenswerte Buch „Poesie und Gewalt – Das Leben der Gudrun Ensslin“ von Ingeborg Gleichauf stellt Gudrun Ensslin bis zum Schicksalsjahr 1967, in dem sie ihrer Familie, dem wissenschaftlichen Betrieb und vor allem der Konsumgesellschaft den Rücken kehrt, als eine literarisch und sozial hochbegabte junge Frau vor, die in die Studienstiftung aufgenommen wurde. Ensslin spielte auch Geige. (Ein Klavierpartner in der Jugendzeit war Helmut Lachenmann, heute Mitglied der Freien Akademie der Künste. Er bezog später Texte von Ensslin in eine Oper ein.) Gleichauf schreibt: „Jahnn entwirft die Utopie eines neuen Menschen ohne strikte moralische Ansprüche, ohne Normenkatalog und verbindet damit eine harsche Kritik an den Auswüchsen der Zivilisation und deren zweckgerichteter Rationalität. … In der von Jahnn imaginierten Welt würde es eine Harmonie aller Wesen geben, das Leben würde sich jenseits der Kategorien von Gut und Böse, stark und schwach, Natur und Geist bewegen.“ Sie zitiert ferner aus einem Bericht Ensslins für die Studienstiftung, der u.a. zeigt, welch visionärer Denker Jahnn zu seiner Zeit war und wie aktuell er auch heute immer noch ist.

Gudrun Ensslin wollte einmal die Welt retten. Es bleibt auch nach der Lektüre dieses detailreichen Buches irritierend und beunruhigend, wie sie der Welt dabei abhanden gekommen ist ...

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